Weinhardt & Kollegen

 

Werte

Das Leben innerhalb einer Gemeinschaft ist durch ganz bestimmte Regeln bestimmt. Auch der Mensch in seiner Persönlichkeit hat sich einen eigenen Regelkatalog aufgebaut, nach dem er weitgehend lebt. Hierin hat er für sich festgelegt, was er als gut und schlecht, als wertvoll und überflüssig ansieht. Diese Entscheidungsregeln bestimmen sein individuelles Verhalten und werden auch als menschliche Werte und Wertvorstellungen bezeichnet.

Die in verschiedenen Ebenen liegenden Werte gelten allgemein und kurz gefasst als hoch geschätzte Eigenschaften, erstrebenswerte Verhaltensweisen und hoch bewertete Tugenden. In der niederen Ebene liegen die durch die Sinne wahrgenommenen Empfindungen, die in erster Linie zwischen angenehm und unangenehm unterscheiden. In den folgenden Ebenen befinden sich die Entscheidungen für Lebensgefühl, geistige und religiöse Werte.

Die Persönlichkeit eines Menschen wird von den Werten der Gesellschaft, in der er lebt, geprägt. Im Gegenzug bestimmt der einzelne Mensch mit seinen Wertvorstellungen aber auch sein Umfeld. Vereinfacht kann man davon ausgehen, dass die Gesamtheit der individuellen Wertesysteme das kollektive Wertesystem einer Gesellschaft bildet.

Seit längerer Zeit gibt es in eher konservativ denkenden Kreisen die Diskussionen über einen möglichen Werteverfall in der Gesellschaft. Die Forscher sind sich dabei aber noch nicht einig, ob der gegenwärtig stärker betonte Egoismus nur dem eigenen Vorteil gelte oder ob er zur Anpassung an die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen erforderlich sei. Deshalb wird in vielen Kreisen etwas weniger drastisch von Wertewandel gesprochen.

Überlieferte Werte

Die persönlichen Wertvorstellungen werden auch durch das Umfeld geprägt, sodass sie sich der Zeitgeschichte entsprechend ändern. Während in der Nachkriegszeit die „preußischen Tugenden“ Gehorsam und Unterordnung am Arbeitsplatz einen hohen Stellenwert hatten, ist der prozentuale Anteil der Befürworter dieser Werte bis heute deutlich zurückgegangen.

Gegenläufig ist der Trend bei den Werten Selbstständigkeit und freier Wille. Hier ist ein stetiger Anstieg in den letzten Jahrzehnten festzustellen.

Aus diesen beiden Beispielen ist zu entnehmen, dass die persönlichen Werte nicht als unveränderliches Dogma gesehen werden dürfen. Wenn in der Nachkriegszeit, unter ganz anderen Bedingungen, von der Gesellschaft das Leben als Aufgabe mit der Pflichterfüllung als eine erstrebenswerte Verhaltensweise gesehen wurde, wird die damals eher abwertend beurteilte Einstellung Leben genießen mit der Selbstverwirklichung heute als überwiegend positive Verhaltensweise gesehen.

Ähnlich zeigt sich auch die Einstellung zu Arbeit und Freizeit. In der Nachkriegszeit lebte man in erster Linie in einer Arbeitsgesellschaft mit dem Aufbau der kriegsbedingten Zerstörungen. Bei einer 6-Tage-Arbeitswoche galt der freie Sonntag hautsächlich der Erholung.

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte die Arbeitszeit so weit abgenommen, dass mehr Stunden für die Freizeit als für die Arbeit zur Verfügung standen. Damit waren Freizeit und Spaß gleichrangig mit Arbeit und Geldverdienen und die Vorstellung, dass auch Arbeit Spaß machen müsse, nahm zu. Heute kann man sagen, dass der Mehranteil an Freizeit und dessen Stellenwert nicht auf Kosten des Arbeitseinsatzes gegangen ist, weil das selbstständige Umgehen mit der Freizeit zu einer höheren Selbstständigkeit geführt hat und damit die Selbstverwirklichung auch im Berufsleben höherrangig wurde.

Bezogen auf das Persönlichkeitsmanagement bedeutet das, dass mit dem Erkennen der neuen Situation und dem sich daraus ergebenden, ausgewogenen Behandeln von Arbeit und Freizeit die höhere Verantwortung der eigenen Persönlichkeit eine neue Wertvorstellung bekommt.

Materielle und immaterielle Werte

In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam aus den USA eine Wertetheorie des Soziologen Ronald Ingelmann, die sich mit dem Stellenwert von materiellen und immateriellen Werten befasst. Auch hier spielen sowohl Lebenserfahrung als auch das Umfeld bei der Entscheidung für die Werte eine Rolle. Wenn ein Mensch in seiner Jugend in materiell gesicherten Verhältnissen gelebt hat, wird er während seines gesamten Lebens hauptsächlich immaterielle Werte bevorzugen. Diese immateriellen Werte werden auch postmaterielle Werte genannt, weil sie erst nach der Befriedigung der Bedürfnisse materieller Werte von Bedeutung werden.

Zu den materiellen Bedürfnissen zählen:

  • Physiologische Bedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Unterkunft)
  • Wirtschaftliche Stabilität
  • Wirtschaftswachstum
  • Preisstabilität
  • Ruhe und Ordnung in der Gesellschaft

Zu den postmateriellen Bedürfnissen zählen:

  • Selbstverwirklichung
  • Meinungsfreiheit
  • Mitsprache
  • Geistige, schöpferische, ästhetische Bedürfnisse

Ingelmann kam zu dem Schluss, dass der Mensch den Werten den höheren Stellenwert zuerkennt, deren Vorhandensein am wenigsten gesichert ist. Erst nach der Befriedigung der physiologischen Bedürfnisse wird der Wunsch nach weitergehenden Bedürfnissen aktuell.

Es ist auch heute zu beobachten, dass in den Ländern mit politischer und wirtschaftlicher Stabilität der Hang zu postmateriellen Werten ausgeprägter ist als in den Ländern, in denen die Mehrheit der Bevölkerung vorrangig mit der Beschaffung von Nahrung, Kleidung usw. beschäftigt ist.

Menschentypen mit besonderen Werten

Untersuchungen haben ergeben, dass sich bestimmte Wertvorstellungen bei einer besonderen Art von Menschen häufen, so dass man hier von ganz bestimmten Typen sprechen kann. Je nach Kombination der Wertevorstellungen differieren dabei Typen vom draufgängerischen Weltverbesserer bis zum schüchternen Mitmacher.

Der deutsche Soziologe Helmut Klages hat die Menschentypen mit Blick auf ihre Anpassungsfähigkeit an die sich ändernden Werte und damit auf ihre Eignung für zukünftige Neuerungen untersucht. Dabei kam er zu einer Aufteilung mit folgenden fünf Typen:

  • Konventionalist
  • Idealist
  • Materialist
  • Resignierter
  • Realist

Der Typ des Konventionalisten wird überwiegend bei der älteren Generation gefunden, weil sich aus einer langjährigen Erfahrung heraus ein Wertesystem entwickelt hat, das er erhalten möchte. Von ihm werden überwiegend alle sozialen Veränderungen abgelehnt, die in irgend einer Weise auf seine Werte und Regeln Einfluss haben könnten. Er fühlt sich als Teil und damit abhängig von der Umwelt. Damit erkennt er auch an, dass persönlichen Interessen eingeschränkt werden können, wenn Gemeinschaftsinteressen es erfordern. Dafür erwartet er aber die entsprechende Anerkennung.   

Konventionalisten werden es in einer sich ändernden Gesellschaft oft sehr schwer haben.

Das genaue Gegenteil vom Konventionalisten ist der Idealist. Eine seiner Eigenschaften ist es,  seinen Individualismus zu wahren und auf die Rechte des Einzelnen gegenüber Institutionen zu bestehen. Aus dieser Sicht heraus ist er bereit zu Auseinandersetzungen und sich für die ideologischen Belange der Gesellschaft einzusetzen.

Aufgrund seiner Flexibilität hat der Idealist gegenüber Neuerungen keine Berührungsängste, allerdings neigt er dazu, wegen einer eingeschränkten Selbstkontrolle bei auftretenden Schwierigkeiten nicht das notwendige Durchhaltevermögen aufzubringen. Somit wird er vermutlich ein guter Vordenker, aber in der Ausführung wenig belastbarer Typ sein.

Der Materialist wird als sich stark nach den Lebensfreuden ausrichtender Mensch definiert. Nach dem Erreichen seiner gesteckten Ziele wird sein Engagement für die Sache allerdings kräftig eingeschränkt. Dadurch ist er an Problemlösungen der Gesellschaft wenig interessiert und auch wenig bereit, sich in soziale Gruppen einzufügen.

Ein Materialist ist wegen seiner Lebensweise selten bereit, sich ihm bietende Aufstiegschancen konsequent zu erarbeiten und zu nutzen. Wegen seiner Anpassungsfähigkeit wird er in einer sich ändernden Gesellschaft trotzdem wenig ernste Probleme haben.

Der Resignierte ist ein Wertetyp, der ohne nennenswertes Ziel vor sich hinlebt. Für ihn ist es weitgehend uninteressant, ob er eine Aufgabe zu erfüllen hat oder sich selbstverwirklichen kann. Unter den definierten Wertetypen ist er der Einzige ohne positive Perspektiven.

Der Resignierte wird sowohl in einer stabilen als auch in einer sich ändernden Gesellschaft mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Der Realist wird als sehr aktiver und sich um Erfolg bemühender Typ beschrieben. Für ihn ist sowohl Selbstverwirklichung als auch Pflichterfüllung ein wesentlicher Faktor in seinen Wertvorstellungen. Dazu ist es für ihn eine Selbstverständlichkeit, sich das entsprechende Wissen anzueignen und Selbstdisziplin aufzubringen. Der Realist ist durchaus gewillt, sich in einer Gesellschaft unter einer Führung einzuordnen, so lange diese ihm den zu seiner Entfaltung nötigen Freiraum lässt und ihn kooperativ arbeiten lässt.

Der Realist ist von den hier beschriebenen Wertetypen derjenige, der in einer sich stetig ändernden Gesellschaft die besten Chancen hat. Der Antrieb für ihn ist seine Selbstverwirklichung und die Möglichkeit zum persönlichen Aufstieg. Bei überproportional vielen Realisten in einer Gesellschaft kann es bei nur begrenzten Aufstiegsplätzen zu Schwierigkeiten kommen.

Die hier beschriebenen Typen gibt es nicht immer in dieser reinen Form. Oftmals können auch Eigenheiten der einzelnen Gruppierungen kombiniert auftreten. Entscheidend ist eigentlich, dass zur Erkennung der eigenen Persönlichkeit ein Grundmuster vorliegt, in das man sich einordnen kann. Dann kann man in etwa abschätzen, wie man mit hoher Wahrscheinlichkeit bei bestimmten Situationen handeln würde. Es bleibt dann dem Einzelnen überlassen, ob er sich seinem Typ entsprechend verhalten will oder ob er auf dem Weg zu einem neuen Wunschtyp umdenkt und sich für neue Werte entscheidet.

Wenn man es gelernt hat, Menschentypen zu unterscheiden und einzuordnen, bietet das für Führungskräfte den weiteren Vorteil, die Mitarbeiter ihrem Naturell entsprechend richtig einzusetzen, um vor unliebsamen Überraschungen geschützt zu sein.

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